Album Reviews

Kulturabdruck, February 2024

Der Erste Weltkrieg bedeutete nicht nur in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht eine tiefgreifende Zäsur. Auch in der Kultur vollzog sich ein Umbruch – inhaltlich, formal, aber auch im Hinblick auf die Kulturschaffenden. Dass Frauen dabei einen entscheidenden Beitrag leisteten, ohne gleich alle Brücken hinter sich abzubrechen, zeigt eine CD mit Werken für Cello und Klavier, die vier Komponistinnen zwischen 1911 und 1919 zu Papier brachten.

Die Cellistin Janne Fredens und ihr Klavier- und Ehepartner Søren Rastogi eröffnen ihr Projekt „Upheaval“ mit der opulenten Cellosonate in a-moll von Henriëtte Bosmans (1919). Die niederländische Komponistin steht hier noch ganz in der Tradition romantischer Kammermusik, streut aber auch impressionistische Klangwirkungen ein und befindet sich auf dem Weg zu einer eigenen Musiksprache. Fredens und Rastogi bringen die emotionale Wucht der Partitur auf einem gleichbleibend hohen Spannungsbogen wunderbar zur Geltung.

Ein unwiderstehlicher Vorwärtsdrang kennzeichnet auch die Cellosonate von Dora Pejačević (1913), die als ein Hauptwerk der kroatischen Gräfin gelten darf. Über rund 30 Minuten spannt sich eine beeindruckende Architektur, die aus der Begeisterung der Komponistin für Brahms und Dvořák keinen Hehl macht und doch ganz individuelle Töne anschlägt – vor allem im melancholischen, aber seltsam unruhigen Adagio sostenuto.

Die stimmungsvolle Interpretation des ursprünglich für Flöte und Klavier komponierten „Nocturne“ von Lili Boulanger (1911), der ersten weiblichen Preisträgerin des renommierten Grand Prix de Rome, schlägt die Brücke zu dem vielleicht avanciertesten Stück des Albums. Lilis Schwester Nadia tastet sich in ihren „Trois pièces“ (1914) von impressionistischen Momentaufnahmen in ein rhythmisches Abenteuer vor, das „vite et nerveusement“ in die Roaring Twenties führt. © 2024 Kulturabdruck

Pál Körtefa
Pizzicato, January 2024

Upheaval, also Umbruch oder gar Umsturz, nennen die beiden dänischen Interpreten ihr Programm aus den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Politisch betrachtet war es der Erste Weltkrieg, der sich mit diesem Begriff verbinden lässt. In Bezug auf die Musik sind es die vier Komponistinnen, die in ihrer Zeit für große Aufmerksamkeit sorgten.

Die Cellosonate von Bosmans zeigt sich in ihren vier Sätzen architektonisch eindrucksvoll. Stilistisch bietet das Werk Anklänge an Brahms und Franck sowie den Impressionismus. Die lyrisch angelegte Sonate von Dora Pejacevic ist mit ihrer spätromantischen Gestalt nicht so weit entfernt. Ebenfalls in vier Sätzen und mit 30 Minuten noch deutlich länger als die vorhergehende Sonate kann man hier Einflüsse Brahms und Dvorak heraushören.

Von Lili Boulanger ist nur das Nocturne, ursprünglich für Flöte und Klavier, zu hören, das eine Natur-Darstellung im impressionistischen Stil mit unverwechselbarer Eigenart darstellt. In den drei Stücken spannt Nadja Boulanger den Bogen vom französischen Impressionismus zu abstrakteren Strukturen, wie sie später in Frankreich bei Messiaen und Boulez auftauchen.

Trotz der Qualitäten sowohl der Komponistinnen wie auch der Stücke handelt es sich um wenig bekanntes Repertoire, das hier in höchst gelungenen Interpretationen gehoben wird. Das Ehe- und Künstlerpaar Janne Fredens und Søren Rastogi widmet dieser Einspielung volle Aufmerksamkeit. Als aktive Solisten und Dozenten haben sie die Voraussetzungen, um diese Werke mit ihren eigenen interpretatorischen Vorstellungen zu gestalten, was ihnen auch sehr ansprechend gelingt. Mit einem jungen Cello und einem Bechstein Concert Grand nutzen sie Instrumente, die zwar klanglich intensive Momente, aber vor allem Feinheiten der Gestaltung in den ausdrucksvollen Passagen erlauben. Viele Nuancen in den Interpretationen machen diese Aufnahmen zu einer sehr reizvollen Zusammenstellung. Auch wenn man einen nordisch klaren Grundtenor hören mag, so entwickeln sie doch die Musik mit Wärme und Gestenreichtum.

Zusammen mit dem bildreichen, aber auch textlich informativen Heft und der noch nicht zu voluminösen, ansonsten gut abgestimmten Tontechnik liegt hier ein empfehlenswertes Album vor, das Entdeckungen ermöglicht und die beiden Sonaten erstmals vereint präsentiert. © 2024 Pizzicato

Antje Rößler
Klassik heute, January 2024

Künstlerische Qualität: 10 / Klangqualität:9 / Gesamteindruck: 9

Das dänische Künstler- und Ehepaar Janne Fredens und Søren Rastogi engagiert sich für die unbekannte Kammermusik von Komponistinnen. Auf ihrer CD „Upheaval“ präsentieren die Cellistin und der Pianist vier Duowerke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Titel „Upheaval“, zu Deutsch „Umwälzung“ oder „Aufruhr“, bezieht sich auf die Entstehungszeit im Umfeld des Ersten Weltkrieges.

Komponistinnen aus Holland, Frankreich und Kroatien

Im Mittelpunkt stehen zwei große viersätzige Sonaten von Henriëtta Bosmans und Dora Pejačević. Henriëtte Bosmans war eine der größten Pianistinnen Hollands und zugleich eine hochbegabte Komponistin, wie ihre zwischen Spätromantik und Neoklassizismus angesiedelte Cello-Sonate beweist. Janne Fredens bringt hier den effektvoll-virtuosen Cellopart zum Glänzen.

Die slawische Romantik im Geiste Dvořáks hat in den mehr als hundert Werken der kroatischen Komponistin Dora Pejačević ihre Spuren hinterlassen. Die Interpretation ihrer Sonate op. 35 berührt durch romantischen Schwung, Kantabilität und erzählerische Kraft. Wunderbar vertiefen sich Fredens und Rastogi in einen Dialog und stellen die herrlichen Melodien der Komponistin aus. Eine ganz eigene Melancholie offenbart der langsame dritte Satz im hinkenden 5/4-Takt.

Den Abschluss bilden kleinere Werke der französischen Schwestern Nadia und Lili Boulanger. Lili war die erste Frau, die den höchst renommierten „Prix de Rome“ erhielt. Mit 24 Jahren starb sie an den Folgen einer Maserninfektion. Was der Musikgeschichte durch ihren frühen Tod entging, lässt ihr Nocturne ahnen, ein intimes impressionistisches Juwel.

Hochbegabte Schwestern

Große poetische Kraft steckt auch in Nadia Boulangers Miniaturen Trois pièces, die auf halber Strecke zwischen Impressionismus und abstrakteren Strukturen stehen. Nach dem Tod ihrer Schwester gab Nadia das Komponieren auf. Sie war fortan pädagogisch und als Dirigentin tätig und hatte zahlreiche Schüler, die bedeutende Komponisten wurden.

Janne Fredens und Søren Rastogi bieten einen Einblick in eine musikhistorische Umbruchszeit, den das fundierte Beiheft vertieft. Die beiden machen das zwischen Romantik, Impressionismus und Moderne changierende Repertoire ausgezeichnet erlebbar. Sie spielen leidenschaftlich, rhythmisch prägnant und zugleich innig verträumt. Dass sich die Suche nach Raritäten sich lohnt, zeigt einmal mehr diese besondere Musik. © 2024 Klassik heute

...